Geschichte

Der Schachklub Varel von 1896 gehört mit zu den ältesten Vereinen in Varel. Man sollte meinen, dass er vier Jahre vor der Jahrhundertwende gegründet wurde. In der Tat führen auch die nachweisbaren Anfänge eines Schach-Vereinslebens in Varel in dieses Jahr zurück.

In diesem Jahr der unseligen Krüger-Depesche des Deutschen Kaisers fand der Fastnachtsumzug in Varel am 15. Februar statt, wurde der Gasthof Fürst Bismarck für 14.500 Mk. verkauft, senkte die Reichsbank den Diskontsatz auf 3% und in Varel wurde die Großherzogliche Baugewerk- und Maschinenbauschule gegründet. Auf der Generalversammlung des Vareler Vorschuss- und Creditvereins im Victoria-Hotel wurde der Vorstand entlastet, zum Radfahrerfest am 20. Mai kamen nicht nur 500 begeisterte Radfahrer nach Varel, sondern auch der Kunstfahrer Kaufmann aus New York - und in Kranenkamp wurde in der Brauerei Sagemüller mit der Fabrikation bayrischen Bieres begonnen.

Die Badesaison in Dangast wurde am 6. Juni in beiden Bassins eröffnet und am 14. September schließlich berichtete die Vareler Tageszeitung Der Gemeinnützige über eine Schach-Simultan-Vorstellung eines seinerzeit bekannten Wilhelmshavener Schachspielers in Varel:

Zu der am Sonntag, den 13. September von Herrn Krause, Vorstand des Wilhelmshavener Schachklubs, veranstalteten Simultan-Vorstellung im Schachspiel hatten sich eingefunden die Herren U. Block, C. Carls jr., Schlalos senr., Storm, G. Warneke jr. und Würker. Zuerst, nach 20 Zügen, war die Partie Schlalos - Krause (Eröffnung Damenbauer gegen Königsbauer) mit dem Siege des Herrn Krause beendet. Dann gewann dieser weiter gegen Herrn Block (unregelmäßige Eröffnung) nach 25 Zügen und gegen Herrn Würker (ebenfalls unregelmäßige Eröffnung) nach 31 Zügen. Dann aber verlor Herr Krause gegen Herrn C. Carls jr. in einer Französischen Partie nach 42 Zügen und gleich darauf nochmals gegen Herrn G. Warneke jr. in einem Mittelgambit nach 50 Zügen. Die letzte Partie gegen Herrn Storm, Italienisch, 52 Züge, wurde von Herrn Krause gewonnen. Danach gab Hr. Kr. noch die Anregung, auch hier einen Schachklub zu gründen.

Der Schachklub existierte also noch nicht, aber seine Gründung war nun angeregt.

Das Jahr 1897 begann mit der Krise um Kreta zwischen Griechenland und der Türkei, der Reichstag beschäftigte sich mit der Diätenfrage, in Varel wurde der Fastnachtsumzug vorbereitet und zu einer einmaligen theatralisch-humoristischen Soiree, ausgeführt von Herrn und Frau v. Brandenfels, Inhaber des Patents für höheres Kunstinteresse eingeladen, und schließlich berichtete Der Gemeinnützige am 13. Mai:

Gestern Abend fand im "Schütting" eine Versammlung von Schachspielern statt, die die Gründung eines "Schachklubs Varel" einstimmig beschlossen. Es traten sofort 8 Herren dem neugegründeten Verein bei; zum Vorsitzenden und Bibliothekar wurde Herr Musikdirigent Teubner, zum Schrift- und Kassenführer Herr Lehrer Tebbe gewählt. Die Versammlung behielt sich vor, in der am 1. Juni stattfindenden ersten Monatsversammlung eine Neuwahl, resp. noch die Wahl eines Bibliothekars und Schriftführers vorzunehmen. Es erfolgte u.a. auch die Feststellung der Statuten; der monatliche Beitrag soll 25 Pfg., resp. der vierteljährliche 75 Pfg. betragen. Alle vor dem 1. Juni neu eintretenden Mitglieder sind von der Zahlung eines Eintrittsgeldes befreit, nach dem 1. Juni wird ein solches von 1 Mk. erhoben.

Die Spielabende werden vorläufig regelmäßig jeden Dienstag im "Schütting" stattfinden und es sind hierzu Damen und Herren als Gäste jederzeit willkommen. Beitrittserklärungen sind an einem Spielabend abzugeben oder an den Vorsitzenden zu richten. Bemerkt sei noch, daß für diejenigen, die sich dem edlen Schachspiel widmen wollen, zum Erlernen desselben im Verein stets Gelegenheit vorhanden sein wird.

Soweit die Berichterstattung im redaktionellen Teil. Im Anzeigenteil erscheint jetzt regelmäßig der Hinweis:

"Schachklub Varel" im Schütting. Spielabend jeden Dienstag, 8 ½ Uhr. Freunde des Schachspiels sind dazu frdl. eingeladen.

Am 15. Juni 1897 war es dann soweit. Der Gemeinnützige berichtet über die Gründung des Schachklubs Varel wie folgt:

Am Dienstag Abend fand im Gasthof "Zum Schütting" die erste Generalversammlung des Schachklubs Varel statt. Sie war, wie aller bisherigen Versammlungen, gut besucht. Nachdem einige Vereinsfragen erledigt und die Statuten, sowie die Kasse einer Revision unterzogen worden waren, wurde zur Neuwahl des Vorstandes geschritten. Zum Vorsitzenden wurde Herr Teubner und zum Kassierer Herr Tebbe wiedergewählt. Das Amt des Schriftführers wurde Herrn Warnecke und das des Bibliothekars Herrn Carls übertragen. Sämtliche Herren nahmen die Wahl an. Der Verein, dessen Mitgliederzahl sich seit seinem kurzen Bestehen nahezu verdoppelt hat, hatte in der letzten Woche einen großen Erfolg zu verzeichnen. Ein Mitglied des Vereins (der 16-jährige Carl Carls) hatte Gelegenheit, in dem Schachverein zu Altona und Hamburg zu spielen und verlor von 15 Partien nur 2. Jedenfalls ein sehr günstiges Resultat. Alle diejenigen, welche für das edle Schachspiel Interesse haben, sind dem Verein herzlich willkommen. Der Unterricht wird von bewährten Mitgliedern geleitet. Anmeldungen sind an eines der Mitglieder zu richten. Spielabend Dienstag im "Gasthof zum Schütting", Anfang 8.30 Uhr.

Während also die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan eskalierten, die Lage der thessalischen Flüchtlinge auf Euböa und dem griechischen Festland immer mißlicher wurde, die europäischen Großmächte mit entsetzlicher Langsamkeit mit den beiden kriegsführenden Parteien verhandelten, in der Region immer mehr Orte an das Telefonnetz angeschlossen wurden, der Vareler Männergesangverein Herrn A. Teubner zum Dirigenten wählte und immer häufiger im Gemeinnützigen über Unfälle infolge Durchgehens von Gespannpferden berichtet werden musste, spielten jeden Dienstag Abend die Vareler Schachspieler im "Schütting". Unter ihnen war auch der im Gründungsprotokoll erwähnte, damals 16-jährige Carl Carls, dessen Geburtshaus im Haferkamp steht und der später - im Jahre 1934 - Deutscher Meister und auch Internationaler Schachmeister werden sollte.